Entscheidung ist gefallen: 2012 gibt es vorerst keine Freie Schule in Behnsdorf
Alle Bemühungen des Fördervereins Evangelische Grundschule Behnsdorf sind vorläufig gescheitert.
Zum kommenden Schuljahr wird es keine Freie Schule geben. Doch die Mitglieder wollen nicht aufgeben.
Volksstimme-Mitarbeiterin Carina Bosse sprach darüber mit dem Vereinsvorsitzenden Matthias Spenn.
Am Beginn des neuen Jahres erreichte den Vorstand des Fördervereins Evangelische Grundschule Behnsdorf
die Nachricht, dass die Geschäftsführung der Oskar-Kämmer-Schule - entgegen letzten Bekundungen kurz
vor Weihnachten gegenüber dem Förderverein - am 22. Dezember beschlossen hatte, doch keinen Antrag
beim Kultusministerium des Landes Sachsen-Anhalt auf Genehmigung einer freien Grundschule in Behnsdorf ab dem Schuljahr 2012/2013 zu stellen.
Volksstimme: Welche Gründe nannte die Oskar-Kämmer-Schule für diese Entscheidung?
Matthias Spenn: Wir wurden darüber informiert, dass nach Abwägung aller Fakten das Risiko, die Schule mittelfristig nicht wirtschaftlich verantwortlich führen zu können, als zu hoch eingeschätzt wurde. Ausschlaggebend dafür waren die letztlich - auch im deutlichen Unterschied zu den Interessensbekundungen vom Sommer 2011 gegenüber dem Förderverein - zu geringen Schülerzahlen für den Start einschließlich der Prognose für die Folgejahre. Es war offensichtlich, dass im entscheidenden Moment offenbar das Elterninteresse an einer solchen "alternativen" Schule doch zu gering ist. Damit einher kommt dann natürlich die Erwartung, dass sich die nötigen Investitionen in das Schulgebäude, in die Ausstattung und besonders die Personalaufwendungen nicht rechnen. Nicht zuletzt stellen die Auflagen des Landes für einen Start freier Schulen für den ländlichen Bereich zu hohe Hürden dar. Auch die angefragten kirchlichen Träger hatten deshalb ja schon Abstand von dem Projekt genommen.
Volksstimme: Heißt das, dass auf dem Land früher oder später das Licht ausgeht?
Matthias Spenn: Nun, das glaube ich nicht, zumindest solange auf dem Dorf noch Menschen leben, bleibt auch Licht an. Aber wir müssen registrieren, dass der ländliche Raum zumindest durch politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen benachteiligt wird. Das Skandalöse daran ist meines Erachtens, dass sich das vor allem darin auswirkt, dass Kinder und Jugendliche in ihren Bildungschancen benachteiligt werden. Da nützen denn auch keine politischen Sonntagsreden mit gegenteiligen Bekundungen!
Volksstimme: Was heißt das nun für den Förderverein und für Behnsdorf?
Matthias Spenn: Wir hatten so kurzfristig noch keine Zeit, dies im Vorstand intensiv zu beraten. Aber es zeichnet sich ab, dass wir diese Entwicklung nicht zum Anlass nehmen, den Kopf in den Sand zu stecken. Dazu sind uns die Kinder und der ländliche Raum einfach zu wertvoll!
Volksstimme: Aber was wollen Sie nun tun? Der Förderverein hat mit der Entscheidung ja seinen Zweck verloren.
Matthias Spenn: Ich plädiere dafür, dass wir nun unsere Kraft dafür einsetzen, gemeinsam mit anderen Akteuren in den Dörfern - Feuerwehr, Sportvereine, Kirche, Pfadfinder, Rettungsdienste und besonders der Kommune - Strategien zu entwickeln, wie wir uns und unsere Situation politisch stärker in Erinnerung bringen können und zugleich praktisch daran mitarbeiten, dass die Bildungsungerechtigkeit, der unsere Kinder und Jugendlichen auf dem Land ausgesetzt sind, wenigstens ansatzweise ausgeglichen werden kann. Das geht nur, indem wir alle zusammenarbeiten und ein Konzept für eine vielfältige Bildungslandschaft entwickeln und selbst Angebote trotz kleiner Teilnehmerzahlen machen. Wie das genau aussehen könnte, dafür gibt es Ideen, aber noch keine fertigen Lösungen.
Volksstimme: Das heißt: Sie schlagen vor, gegen den allgemeinen Trend zu arbeiten? Ist das nicht vergebliche Mühe?
Matthias Spenn: Warum sollen wir es zulassen, dass Dorfkindern der Weg zur Musikschule, zu Sportangeboten, zu anspruchsvoller Kinder- und Jugendarbeit, zu Kunst und Kultur, aber auch schon zu gleichaltrigen Freunden außerhalb der Schule nur unter riesigen organisatorischen Anstrengungen durch Eltern und andere Engagierte möglich ist, während es in manchen Städten nahezu ein Überangebot besonders für Kinder aus bildungsnahen Schichten gibt. Ich hoffe, dass auch unsere Lokalpolitiker dabei nicht nur ihren Dorfblick einnehmen, sondern übergreifende Verantwortung wahrnehmen. Ich werde jedenfalls dem Verein vorschlagen, dass wir uns in dieser Weise weiter engagieren. Denn die bisherigen 16 Monate waren nicht vergeblich - wir hatten großartige konzeptionelle Ideen, eine prima Gemeinschaft und hohes Engagement. Daran können wir anknüpfen.
Volksstimme: Was gibt Ihnen dazu den Mut?
Matthias Spenn: Wir haben in Ostdeutschland in den zurückliegenden 20 Jahren eine neue Gesellschaft aufgebaut und manche schwierige Situation bewältigt. Das gibt mir die Zuversicht, dass wir auch in dieser Frage so etwas wie Vorreiter werden können. Wer weiß, welch bahnbrechenden Ideen wir finden und wen wir als Mitstreiter gewinnen. Es wäre doch ein toller Wettstreit, wenn Landtagsabgeordnete und andere Politiker, Kirchenleitende und Pfarrer, Manager, Unternehmer und Pädagogen daran gemessen werden, wie kreativ und erfolgreich sie sich für eine blühende Bildungslandschaft auf dem Dorf eingesetzt haben - im Sinne der Kinder und der Zukunft unseres Landes.



